Universitätsarchiv:Entwicklung des Thünen-Archivs bis 1945

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Richard Ehrenberg hatte große Pläne mit dem Thünen-Archiv. Es sollte der Ausgangspunkt für ein Institut für exakte Wirtschaftsforschung werden. Die Universität und das Ministerium in Schwerin sahen sich jedoch nicht in der Lage, die dafür benötigten Mittel bereitzustellen. Daher versuchte Ehrenberg, für sein Vorhaben private Geldgeber zu finden, was ihm schließlich auch gelang. Die Firmen Siemens und Krupp stifteten eine nicht unbeträchtliche Summe (etwa 15.000 Mark jährlich) für die Einrichtung eines “Thünen-Studienfonds”. Dieser für die damalige Zeit außerordentliche Schritt löste heftige Diskussionen aus. Während die einen die Angelegenheit als Privatsache Ehrenbergs ansahen, stand für andere die Unabhängigkeit der Forschung auf dem Spiel. Ehrenberg betonte zwar immer wieder seine Neutralität und Objektivität, konnte die Zweifler jedoch nicht überzeugen.

Nach dem Tod Ehrenbergs geriet das Thünen-Archiv zunächst in Vergessenheit. Bezeichnend ein überlieferter Bericht über den Besuch eines japanischen Thünen-Forschers Anfang der 1930er Jahre, dem man das Archiv nicht zeigen konnte, weil zunächst der Standort des Archivschranks unbekannt war. Als man ihn endlich gefunden hatte, fehlten die Schlüssel, um ihn zu öffnen. Kopfschüttelnd reiste der Japaner wieder ab.

Ende der 1930er Jahre, im Zuge einer allgemeinen Thünen-Renaissance, erfuhr die Thünen-Forschung und somit auch das Thünen-Archiv einen erneuten Aufschwung. Allerdings stand dieser im Zeichen nationalsozialistischer Agrarpolitik, die versuchte, den klassischen Nationalökonomen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Allen voran der Staatssekretär im Reichsernährungsministerium und spätere Reichsminister, Herbert Backe, der die Durcharbeitung des Nachlasses, wie er in einem Brief vom Januar 1943 an den mecklenburgischen Staatsminister Scharf schrieb, als “eine der wichtigsten wissenschaftlichen Aufgaben auf dem agrarpolitischen Sektor” ansah.

1943 rief er eine Thünen-Gesellschaft ins Leben, die Trägerin eines umfangreichen Thünen-Forschungsprogramms wurde. Zum Geschäftsführer wurde der Jenaer Professor Asmus Petersen bestellt, der im Herbst 1943 den Lehrstuhl für Landwirtschaftliche Betriebslehre an der neugegründeten Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Rostock übernahm. Damit verbunden war auch die wissenschaftliche Leitung des Thünen-Archivs. Geplant war eine zehnbändige Gesamtausgabe der Werke Thünens, die bis 1950 abgeschlossen werden sollte. Der Verlauf des Zweiten Weltkrieges verhinderte dies jedoch. Zwar wurde die Thünen-Forschung als “kriegswichtig” eingestuft, man beschränkte sich jedoch auf Vervielfältigungs- und Sicherungsarbeiten im Thünen-Archiv.